«Gier und Angst führen oft zu irrationalen Entscheiden»
Anlegen ist eine scheinbar nüchterne Sache, es geht um Zahlen. Mit welchen psychologischen Faktoren werden Sie bei Anlegerinnen und Anlegern konfrontiert?
David Lewis: Der gesamte Anlageprozess ist von Gefühlen durchzogen. Hauptemotionen sind Gier und Angst; beide können zu irrationalen Entscheidungen führen. Es ist äusserst wichtig, die eigenen Emotionen zu kontrollieren. Gerade in den USA wird alles zu positiv oder zu negativ dargestellt – der Markt schwankt stets zwischen Euphorie und Depression. Angesichts aller publizierten Meinungen und Schlagzeilen überlegt zu handeln, ist eine Herausforderung. Die Strategie von Warren Buffet, einem der erfolgreichsten Investoren der Welt, basiert auf kompromissloser Rationalität, emotionaler Disziplin und dem strikten Vermeiden psychologischer Fallstricke. Er hat einmal gesagt: «Anleger sollten versuchen, ängstlich zu sein, wenn andere gierig sind, und gierig zu sein, wenn andere ängstlich sind.»
Im Moment häufen sich beunruhigende Nachrichten. Da ist es besonders schwer, ruhig zu bleiben ...
Ich bin seit 25 Jahren Anlageberater und kann sagen: Es gibt immer etwas, das Angst machen könnte. Dennoch ist es ratsam, sich an den französischen Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal zu halten. Er sagte: «Das ganze Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.»
Die beunruhigenden Nachrichten gilt es auszuhalten und an der eigenen, gut durchdachten Strategie festzuhalten.
Das heisst: langfristig denken?
Wenn Sie ein Haus besitzen, schauen Sie auch nicht jeden Tag auf einer Immobilienplattform nach, wieviel es gerade wert ist. Heute agieren wir alle viel zu kurzfristig. Wir haben stets den Drang, etwas zu tun.
Aber immer einfach zuzuwarten ist wohl auch keine Lösung?
Natürlich gibt es manchmal Gründe, zu handeln. Der berühmte englische Ökonom John Maynard Keynes sagte: «Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung.» Oft kommt den Anlegerinnen und Anlegern dann aber die typisch menschliche Verlustaversion in die Quere: Sie akzeptieren Verluste nicht, sondern behalten schlechte Papiere und verkaufen die guten. Dabei gälte als Faustregel: Was gut läuft, sollte man rennen lassen, was schlecht ist, verkaufen.
Menschen überschätzen ihre Fähigkeiten oft – man nennt das den Dunning-Kruger-Effekt, benannt nach den beiden Psychologen, die dieses Phänomen zuerst beschrieben. Begegnet er Ihnen im Geschäftsalltag?
Leute haben manchmal tatsächlich die stärksten Überzeugungen bei Dingen, über die sie nicht das geringste Wissen haben. Junge Leute erzählen mir manchmal Dinge über Bitcoin, die sie irgendwo aufgeschnappt haben und die oft stark vereinfacht oder missverständlich sind.
Was ist dagegen zu tun?
Umso wichtiger ist der Austausch mit erfahrenen Expertinnen und Experten. Sie helfen, Informationen einzuordnen, Risiken realistisch einzuschätzen und in turbulenten Phasen einen kühlen Kopf zu bewahren.
Kurzum: Wie kann man dafür sorgen, dass die eigene Psychologie nicht zu Verlusten führt?
Es ist elementar, eine Strategie zu wählen, die zu einem passt. Erstellen wir ein Kundenprofil, geht es immer um psychologische Aspekte. Etwa um die Frage nach der Risikobereitschaft: «Wie viel sind Sie bereit zu verlieren, bis Sie sich Sorgen machen?» Entsprechend diesem Profil sollte dann die Aktienquote gewählt werden und dabei kann eine Beratung entscheidend helfen.
Wer ruhig bleibt, trifft die besseren Anlageentscheide.