Was sind Zweitrundeneffekte?
Gemeint sind damit insbesondere die Anpassungsreaktionen von Unternehmen, die ihre Preise erhöhen, sowie von Arbeitnehmern, die höhere Löhne fordern.
Ein klassischer Auslöser für Zweitrundeneffekte ist die sogenannte Lohn-Preis-Spirale. Steigt die Inflation infolge externer Schocks, sinkt die Kaufkraft der privaten Haushalte. Um ihren Lebensstandard zu sichern, fordern Arbeitnehmer höhere Nominallöhne. Geben Unternehmen diesen Forderungen nach, steigen ihre Produktionskosten. Um ihre Margen zu sichern, erhöhen sie daraufhin die Preise für ihre Produkte und geben die Kosten an die Konsumenten weiter. Dies verstärkt die Inflation erneut und führt zu weiteren Lohnforderungen – ein sich selbst verstärkender Kreislauf entsteht.
Vor diesem Hintergrund stellt die aktuelle geopolitische Lage ein erhebliches Risiko für die Preisstabilität dar. Ein zentraler Punkt ist dabei die Strasse von Hormus, eine der wichtigsten Routen für den weltweiten Öltransport. Ein grosser Teil des globalen Erdölangebots passiert diese Meerenge, weshalb Störungen dort unmittelbare Auswirkungen auf die Ölpreise haben. Die derzeitige Blockade der Meerenge hat dieses theoretische Risiko zur Realität werden lassen. In den letzten sechs Wochen war bereits ein sprunghafter Anstieg der Rohölpreise auf über 110 USD pro Barrel zu beobachten – ein typischer Erstrundeneffekt.
In der Folge besteht die Gefahr, dass sich daraus Zweitrundeneffekte entwickeln. Steigende Energiepreise erhöhen die Transport- und Logistikkosten, was sich zeitverzögert auf die Preise zahlreicher Güter auswirkt, insbesondere von Lebensmitteln und Konsumgütern. Gleichzeitig wächst der Druck auf die Löhne, da Haushalte versuchen, Kaufkraftverluste auszugleichen. Zudem besteht das Risiko, dass sich Inflationserwartungen verfestigen: Wenn Unternehmen und Haushalte davon ausgehen, dass die Inflation dauerhaft hoch bleibt, passen sie ihr Verhalten entsprechend an, was die Teuerung zusätzlich verstärkt. Ein typisches Beispiel aufseiten der Haushalte ist das Vorziehen von Konsum: In Erwartung weiter steigender Preise entscheiden sich viele, grössere Anschaffungen – etwa für Haushaltsgeräte, Autos oder Möbel – früher zu tätigen. Diese erhöhte Nachfrage kann das Angebot kurzfristig übersteigen und führt dazu, dass Unternehmen ihre Preise weiter anheben. Auf diese Weise trägt das Verhalten der Haushalte selbst dazu bei, den Inflationsdruck zusätzlich zu verstärken.
Besonders kritisch ist in diesem Zusammenhang das Risiko einer Stagflation, also einer Kombination aus schwachem oder stagnierendem Wirtschaftswachstum und gleichzeitig hoher Inflation. In einem solchen Umfeld stehen Zentralbanken vor einem schwierigen Zielkonflikt: Um die Inflation und insbesondere Zweitrundeneffekte einzudämmen, müssten sie die Zinsen anheben, was jedoch die wirtschaftliche Aktivität zusätzlich belastet. Hohe Energiekosten dämpfen die Produktion, während steigende Zinsen Investitionen verteuern und die Konjunktur weiter abschwächen.